Die einzige Fee

 

Als Geiger der eigenen Endzeit,

Sonaten der Apokalypse,

auf Lippen und teuflischen Fingern,

ich wand're mit räudigem Antlitz,

mit speckiger Kutte,

und fleckiger Hose,

verschmutzt und mit Dreck an den Stiefeln,

dem Staub von den Straßen der

Dickköpfigkeit.

 

Noch verletzt vom Schlag des Tyrannen,

ausgeliefert von der Komplizin,

noch wund von den schneidenden Worten.

Karawane aus Schmerz und aus Wut,

droht mir der Dursttod im

Sudan meines Lebens?

Lauf, kleiner Geiger und spiel um Dein

Leben, war der Auftrag des Engels im Traum.

 

Pionier der eig'nen Genesung,

geleitet vom verborgenen Volk,

von Geistern, Dämonen und Sylphen.

Zuhaus im Exil, auf den Wegen,

Geysire des Lebens

und Elfen, die lächeln,

kein Singen, kein Text ist vergebens,

16 mal 16 verschiedene Lieder.

 

Jetzt stimme ich eigene Songs an,

erzähl' meine eig'nen Geschichten.

Kein Despot kontrolliert mich heut noch.

Asylant im Land meines Lebens,

empfangen mit Güte,

die Hoffnung als Umhang.

Begleitet von der einzigen Fee,

die es gibt, die ich fand, so schön und so rein.

 


© Joachim Pfaffmann, 12/2013

 

 

Das Jackett

 

Dass die El-Nasr Road von Heliopolis vorbei an der Mohammed Ali Zitadelle mitten durch den alten Friedhof Kairos führt, empfand ich schon immer als Affront. Den Toten gegenüber, weil man ihre armen Seelen mit Teer und LKW-Verkehr in die harte Erde rammte. Erdkruste: das Wort bekam hier eine wahrhaft allegorische Bedeutung. Auch für die Lebenden brachte man sehr wenig Achtung auf. Die Lebenden, die die Häuschen und Schreine über den Gräbern bewohnten, die Ärmsten der Armen, weil man auch auf ihr zerbrechliches Leben keine Rücksicht nahm. Heute scherte sich kein Mensch mehr darum, dass man über einen Friedhof bretterte. Vermutlich hätte man erklärt, dass der Verkehr am Abend doch sehr abnahm und nächtens fast erlosch.

Ich kam aus dem Tonstudio in Heliopolis. Mit Emaad Saad hatte ich noch an ein paar Songs gefeilt: Hier ein Refrain, nochmal gesungen, da eine E-Gitarrenspur, ein Saxophon-Solo verändert. Wir hatten bis fast ein Uhr nachts geschuftet, geraucht und Dosenbier getrunken, als wär's das letzte Mal. Emaad war ein höchst disziplinierter Arbeiter, aber auch ein Herz aus Gold. Sein Studio und die Wohnung waren angenehm klimatisiert, doch ich genoss es jedes Mal, den Übergang in die glühende Nacht zu durchschreiten. Der Duft nach Sand, nach Dunkelheit, Benzin und Hitze, nach arabischer Küche, nach Tieren und Gewürzen und nach Schweiß: verändert einen Mitteleuropäer unwiderruflich. Man verliebt sich in diese Stadt. Oder man hasst sie aufrichtig. Ich war ihr verfallen.

Bis heute könnte ich nicht beschreiben, wie ich jedes Mal aus Heliopolis herausfand. Ich fuhr den Weg hundert Mal, aber beschreiben könnte ich ihn nicht. Irgendwann kam ich an die große Kreuzung, an der nach links das grüne Schild „Autostrad“ zeigte. Am Sadat-Mausoleum bog ich rechts ab und schon war ich auf der El-Nasr Road Richtung Maadi. Sie umfasste den östlichen Teil Kairos wie eine sanfte Bandage, wie wenn sie verhindern wollte, dass die Stadt in die Wüste hineinplatzte. Sie umgürtete Abbasiya, Islamisch Kairo und El Sayida Zaynab, wo linker Hand die Mohammed Ali Moschee in der Zitadelle hockte, wie ein dicker, alter Pharao auf seinem Thron. Hier floss die El-Nasr fast neunzig Grad nach links, um sich zwischen Old Kairo und Muqattam hindurch zu ergießen. Hier beginnt die Qarafa, die Stadt der Toten. Josephie Gorgi sagte mir immer, man sollte hier schnell durchfahren, doch ich empfand nie das Unbehagen, das so viele andere Kairoer hier ankam. Links flirrten die Lichter, die die 300.000 Bewohner der Qarafa der Nacht spendeten und den Häusern, damit die Toten ihren Platz fanden. Im Gegenteil: jetzt mitten in der Nacht schwappten die mit Mondlicht maskierten Muqattam-Hügel wie eine warme Welle auf mich zu. Ein fast spiritueller, bezaubernder Anblick, der mir jedes Mal das Bewusstsein benebelte. Mich wortkarg machte, wie die Gegend selbst. Ich liebte diesen Anblick und die Stimmung, die fast klischeehaft mit orientalischem Romantik-Kitsch verklebt war. Gerade jetzt um diese Zeit, da fast kein Mensch mehr unterwegs war. An das südliche Ende der Totenstadt grenzte schon Maadi, wo mich mein kühles Bett erwartete.

Abrupt schnellte ich nach vorn und krachte in den Sicherheitsgurt. Die Vollbremsung hatte ich unbewusst gemacht, noch bevor sich in mein Bewusstsein das Abbild eines Menschen einbrannte, der vor meiner pochenden Motorhaube stand. Die junge Frau schien kaum erschrocken, mehr abwesend. Ihr weißes Kleid war seltsam durchsichtig, derart bizarr, als würde es nicht durch einen Körper erfüllt, sondern durch Gas. Dass es keine Ärmel hatte, merkte ich erst später, als sich ihre Alabaster-Haut vom fahlen Stoff abhob. Der Schock ließ mich eine Minute versteinern, ich konnte mich nicht bewegen. Als ich merkte, dass sie völlig durchnässt war, startete ich den Warnblinker und stieg endlich aus. Ihr dunkles Haar klebte an ihrem Gesicht, ihr Körper war klamm, als wäre sie einem See entstiegen. Aber es gab hier keinen See. Vielleicht war sie in den Nil gefallen und bis hier her geirrt, auf der verwirrten Suche nach ihrem Zuhause.

„Ist alles in Ordnung mit ihnen? Geht es ihnen gut? Soll ich sie ins Krankenhaus bringen?“, meine Worte stolperten übereinander.

„Mir ist so kalt“, zitterte ihre raue Stimme.

Ich zog mein Jackett aus und legte es vorsichtig um ihre Schultern. Als sei sie zerbrechlich wie eine Blüte aus Moldavit.

„Soll ich sie wo hin bringen? Zu einem Arzt? Oder nach Hause?“, irgendwie war ich hilflos.

Ich beobachte das schlotternde Mädchen, sie muss um die 19 Jahre alt gewesen sein, und wartete nicht wirklich auf eine Antwort. Wir standen immer noch auf dem rechten Fahrstreifen. Das einzige Auto, das uns passierte, hupte nicht. Ihm war wohl der Warnblinker zu ungewöhnlich: den betätigt hier keiner. Zudem ging nur sein rechter Scheinwerfer.

„Bringen sie mich nach Hause“, wisperte sie endlich.

Flugs verfrachtete ich sie auf den Beifahrersitz (wohin sonst, hätte ich sie fahren lassen sollen?). Naja, ich öffnete ihr die Tür und bat sie, einzusteigen. Hinter's Lenkrad gehechtet, ließ ich die Kupplung schnalzen, dass wir fast einen Kavalierstart hinlegten. Ich wollte von der Straße weg. Endlich gondelten wir wie ein Boot am Fuß des Muqattam über den El-Nasr-River durch die Nacht. Der grauenhafte Zustand der Straße zwang mich zur Langsamkeit und wiegte uns hin und her.

Ich fragte sie, was denn passiert sei. Ob sie einen Unfall hatte. Ob ihr etwas zugestoßen sei. Ich fragte und fragte. Kaum merkte ich, dass sie nicht antwortete. Ich entschuldigte mich und stellte mich vor.

„Ahlam. Ich heiße Ahlam.“, sagte sie etwas entspannter.

Wieder löcherte ich sie mit Fragen. Manchmal nickte sie. Manchmal schüttelte sie den Kopf.

„Wo soll ich Sie denn hinbringen? Wo wohnen Sie?“, wollte ich wissen.

„Ich wohne in Maadi. In Digla. In der 213. Straße, Nummer 20.“

„Das ist ja ein Zufall. Ich wohne auch in Digla. Quasi um die Ecke, in der 233. Straße, Nummer 6. Das ist wirklich nicht weit.“ Ich wunderte mich, dass ich sie noch nie gesehen hatte, weder beim Gemüsehändler noch in der Apotheke. War sie neu hierher gezogen?

Da waren schon die Bauruinen der Qarafa, die direkt an Maadi anstießen. Die durch Feuer und Kerzenlicht erleuchteten, glaslosen Fensteröffnungen dräuten wie monströse Facettenaugen. Ich nahm die Abfahrt, bog links ab, kam zum Kreisel der 216. Straße, die ich nach links in die 217. verließ. Der Kreisel der 213. Straße teilte die Mittelallee im Goldenen Schnitt. Ich bog nach links, fuhr ans Ende und drehte, denn ich musste auf die Gegenfahrbahn. Hier war Nummer 20. Durch das Gartentor konnte ich Jasmin, Mimosen und Aloe lächeln sehen. Die Straßenlampe benetzte eine nebulöse Eisentür, die hinter dem Vorgarten das Haus behütete.

Ahlam stieg zittrig aus dem Wagen. „Soll ich sie rein bringen?“, bat ich an.

„Nein, lassen Sie, danke. Ich danke ihnen sehr, dass sie mir geholfen haben. Das werde ich ihnen nicht vergessen!“ Sie wollte das Jackett abnehmen, aber sie fror immer noch recht erbärmlich. Es hatte noch immer fast 25 Grad, aber das, was ihr womöglich zugestoßen war, musste sie frieren machen.

„Lassen sie doch.“ rief ich, „Ich komme einfach morgen Vormittag vorbei, und hole mein Jackett ab. Ok?“

Sie nickte, als sei sie froh darüber. Die Autotür machte ihr Schließgeräusch, als wäre nichts, und Ahlam trat durch das Gartentor. Durch die Beifahrerscheibe konnte ich noch die Bäume erkennen, aber Ahlams weißes Kleid versickerte in der Dunkelheit. Ich fuhr wieder auf die Gegenfahrbahn, bog rechts ab und war schon gleich zuhause. Ich schlief einen steinernen Schlaf des Vergessens.

Der nächste Morgen war noch zauberhafter, als die Morgen in Kairo sowieso schon sind. Vogelgesänge, etwas über 20 Grad, stahlblauer Himmel, eine Frische, die vom Dreck noch nichts ahnen ließ, der im Laufe des Tages die Stadt überziehen sollte. Ich frühstückte in meinem bepflanzten Hof und beobachtete Chamis, den Bowab, wie er die Autos duschte. Ich hatte seit dem Aufstehen das Gefühl, ich sei nicht allein, irgendjemand, irgendetwas sei bei mir. Mich fröstelte kurz im Schatten, ein Windhauch hatte mich berührt. Mein Jackett fiel mir ein, und was mir gestern Nacht widerfahren war, und dass ich es abholen sollte.

Die kurze Strecke zur 213. Straße, Nummer 20 fuhr ich. Man fuhr hier alle Strecken. Durch das Gartentor trat ich wie ins Paradies: Aloe-Pflanzen reckten ihre grün-weiß gescheckten Arme empor und blinzelten mit ihren Blüten. Die Mimosen boten ihre geöffneten Hände dar, sie applaudierten nicht. Ein Mangobaum spendete verführerischen Schatten. Die Sonne plastinierte den frischen Morgen wie einen Eisblock als Siebdruck ins Gedächtnis der Ewigkeit. Der Jasmin räkelte mir lasziv seinen Duft entgegen, der nichts anderes war als: sexuell.

Mit noch unverschwitztem Hemd läutete ich an der Eisentür, deren Ornamentik von innen mit Milchglas unterlegt war. Zuerst geschah gar nichts. Dann spürte ich eine nahende Bewegung. Hinter der durchscheinenden Scheibe lauschte die Silhouette eines kleinen Menschen. Mir öffnete eine ältere Frau, vielleicht war sie 60 Jahre alt, vielleicht auch 70. Ihre rot unterlaufenen Augen, noch mehr deren Wässrigkeit und die Art ihrer Tränensäcke stimmte mich für eine Millisekunde zutiefst traurig.

Artig stellte ich mich vor und sagte ihr den Grund meines Erscheinens, dass ich also mein Jackett abholen wolle, das ich am Vorabend einer jungen Frau geliehen hatte, die hier wohnte.

„Hier wohnt keine junge Frau“, entgegnete sie in einer unfassbaren Langsamkeit.

Die Hitze begann den Tag wie ein Korsett, wie eine Passform zu umschließen. Die Pflanzen bewegten sich eigenmächtig aus Verachtung für den schwächlichen Wind. Ich fühlte mich obskur. Hier schien ein Irrtum vorzuliegen, nur wusste ich nicht: welcher.

„Verzeihen Sie, hier scheint ein Irrtum vorzuliegen. Gestern Abend habe ich hier doch diese junge Frau abgesetzt. Sie war völlig durchnässt, ihr war ein Missgeschick passiert. Sie ging in dieses Haus. Durch diese Tür. - Und ich hatte ihr mein Jackett gegeben, dass sie nicht friert...“

Die Alte schien kein Wort zu verstehen, das ich sagte. Als versuche sie zu ergründen, von welchem Planet ich käme, neigte sie ihren Kopf nach rechts und quälte mich mit ihrem traurigen Blick.

„Kommen Sie herein“ bat sie nach einer Zeit, in der ich mich geboren, gepeinigt, verraten, geschändet und getötet fühlte.

Wir nahmen in ihrem Wohnzimmer Platz. Bis sie mir einen Tee servierte, betrachtete ich ihre Wohnung, oder das, was ich vom Sofa aus sehen konnte. Es sah gewöhnlich aus, wie alle Wohnungen, die ich je gesehen hatte. Als sie sich zu mir setzte, begann sie mit wohliger Stimme zu sprechen, mit der Sanftmut und der Güte einer mütterlichen Melodie, die von Dingen erzählen würde, die noch nie durch den Schoss einer Mutter in die hiesigen Welt gelangt waren, von Dingen, die dem gemeinen Menschen Angst einflößen konnten, in ihrer Unschuld und Reinheit aber der Unschuld einer Träne auf der Wange eines Kindes gleichkamen. Mich schauderte, doch Glück durchströmte meine Adern.

„Schauen Sie“, begann sie zart, „hier hat vor langen, langen Jahren in der Tat eine junge Frau gewohnt.“ Ich wollte wissen.

„Vor nunmehr dreißig Jahren wohnte ich mit meinem Kind zusammen hier. Mit meiner Tochter.“ Als schien sie zähe Stunden zu benötigen, um sich zu erinnern.

„Es sind jetzt wirklich fast schon dreißig Jahre, dass sie starb.“ Das Wort des Sterbens berührte brüsk mein Fleisch. Ich trank den Tee und blickte wartend auf ihr Haar.

„Es war so grausam, so plötzlich, so... Sie ging und sagte noch 'Bis bald mein Muttchen'. Von da an war sie weg, ich sah sie nie mehr wieder. - Sie sagten mir, sie sei im Nil ertrunken. Was hat sie da denn nur gewollt? Sie war 'ne gute Schwimmerin, das können Sie mir glauben. Auf sowas hab ich stets geachtet. Dass sie... dass sie sich zu helfen wusste. Dann brachten sie den Leichnam hier zu mir ins Haus. Was kann man da noch sagen? Sie war tot. Wie hätte ich das Rad der Zeit... wie hätte ich sie je nur wieder 'lebend' machen können?“

Nie war mir kalt und heiß zugleich so oft, wie in diesen grausamen Momenten. Die arme Frau. Sie trauerte so sehr, nach all den Jahren, dass sie nicht weinen konnte. Und als könne sie in meinen Augenwinkeln einfach sehen, dass eine Unglaubwürdigkeit mich abschreckt:

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen schnell ihr Zimmer.“

Wir gingen langsam durch den Flur, der aussah, wie jeder Flur in einer Kairoer Mittelklassewohnung: Linoleum, Rauputz abgewohnt und Türen rechts und links mit abgewetzten Zargen. Ich trottete der Dame hinterher und ganz am Ende diese Flurs: da öffnete sie die Tür.

„Das ist ihr Zimmer. Und seit sie starb habe ich nichts mehr hier verändert. Es ist alles so, wie an dem Tag... Es ist alles so, als käme sie im nächsten Augenblick zurück.“ Tränenflüssigkeit stieg von unten ihre Augen empor und schien die Oberflächenspannung zu verlieren.

Ich betrachtete den Raum: Ein Mädchenzimmer, wie vor 20, 30 Jahren. Es hingen Bilder an der Wand von Leuten, an die sich keiner mehr erinnerte. Mit Frisuren, die man heute kaum zu tragen wagte. Selbst die Frauen schienen an allen erdenklichen Stellen: Haare zu haben. Ein paar Bücher, Schallplatten von Oum Kaltzoum.

„Sie fanden sie im Wasser. Im Schilf, der kleinen Insel... am Westufer des Nils, in Höhe der Maadi Towers... wo vor Jahren an der Kairo-Aswan Straße der Mohammed Ali Club lag...“, erklärte mir sehr monoton die alten Frau, als wäre ihr meine Aufmerksamkeit egal.

Mein Blick, ach der, ja der, der schweifte lax umher. Und hinter der Tür, links unter dem Fenster, da stand ihr Bett. Es war wie frisch gemacht. Just in dem Moment, als ich's erblickte, gefror mein Herz, mein Hirn und damit mein ganzer Verstand. Denn auf dem Bett da lag fein säuberlich: mein Jackett.

Ich preschte hin, nahm es empor, und sah dann auf dem Teppich vor dem Bett: wie wenn ein nasser Fuß da einen Abdruck hinterlassen hätte. Entgeistert starrte ich hinüber zu der alten Frau. Sie sah mich wie durch Nebelwolken an, als gelte nun ihr Blick ausschließlich ihrer Tochter. Sie sprach:

„Ungezogenes Mädchen! Ist sie doch noch mal zum Fluss gegangen!“

 

© Joachim Pfaffmann, 2012